Wenn ich nur nett genug bin…
… werde ich jemanden finden, der mich unter seine Fittiche nimmt und sich für immer um mich kümmert. Ich werde nicht selbst Entscheidungen treffen müssen. Ich werde mir Aufgaben und Tätigkeiten zuweisen lassen und absolute Loyalität und die Erfüllung dieser Aufgaben schwören.
Ich werde nicht kommunizieren, was ich wirklich will.
Weil ich nicht glaube, dass ich es bekommen kann. Weil ich in meiner Kindheit erlebt habe, dass ich es nicht bekomme. Die Liebe, die Aufmerksamkeit, die Fürsorge, die ich gebraucht und nicht bekommen habe.
Ich werde so sein, wie du mich haben möchtest.
Denn dann bin ich in deinen Augen perfekt, und du wirst dich um mich kümmern.
Das Versprechen, das ich gab
Ich verspreche stillschweigend Anpassung im Austausch gegen Fürsorge und verberge dabei, was ich eigentlich will.
Aber meine eigenen Wünsche verschwinden nicht, nur weil ich sie nicht kommuniziert habe. In Wahrheit habe ich also etwas zugestimmt, das ich eigentlich gar nicht tun will.
Dann werde ich auch nicht erfüllen können, was ich versprochen habe. Ich werde es unbewusst sabotieren, weil ich eigentlich gar nicht tun will, wozu ich zugestimmt habe. Aber auch das spreche ich nicht klar aus.
Das alles geschieht im Schatten dessen, was mir unbekannt ist, in meinem Unbewussten. Aber es ist trotzdem da.
Das passiert in Beziehungen. Und das passiert auch bei der Arbeit.

Wie Verwirrung dabei mitspielt
Ich weiss nicht, was ich will. Ich zweifle daran, wer ich wirklich bin. Ich bin verloren. Nicht sicher, wo ich Wahrheit finde. Nicht sicher, wem ich vertrauen kann. Nicht sicher, wie ich durch mein Leben navigieren soll.
Es ist ein Symptom. Tatsächlich habe ich mir als Kind einen Zustand der Verwirrung angeeignet, damit ich nett sein konnte.
Verwirrt bin ich harmlos. Ich weiss nicht, was ich will. Ich habe keine Klarheit. Keine Grenzen. Keine Wünsche, die ich klar wahrnehmen kann. Ich muss nicht wütend sein. Ich muss nicht sagen, was ich will.
Wenn ich also verwirrt bin, kann ich dir geben, was du willst, weil ich vielleicht denke, dass ich das eigentlich auch will.
Ich verwirre mich selbst, damit ich nett sein kann. Ich verwirre dich, damit du nicht wütend bist.
Wäre ich klar, würde ich wissen, wo ich nicht einverstanden bin. Ich würde die Wut darunter spüren, meine Grenzen und meine wahren, klaren Wünsche und Bedürfnisse. Ich müsste sie dann kommunizieren.
Ich wäre nicht länger harmlos.
Erkennen, was ich tue
Was für mich etwas verändert hat, war die Erkenntnis, dass Nettsein eine Strategie aus der Kindheit ist, die ich zum Überleben gebraucht habe.
Noch mehr geholfen hat mir, zu verstehen, dass die Verwirrung selbst eine Strategie ist. Sie ist nicht das Ergebnis davon, dass ich nicht weiss, was ich will. Sie ist eine Strategie, die verhindert, dass ich sehen kann, was ich will oder brauche. Eine Strategie, für deren Anwendung ich mich als Kind entschieden habe, um sicher zu sein.
Eine ziemlich perfide Strategie, denn die Verwirrung verdeckt die eigentliche Ursache des Problems. Nämlich die Verwirrung selbst.
Verwirrung ist eine Strategie. Harmlossein ist eine Strategie. Das ist etwas, das ich tue, nicht etwas, das mir passiert.
Gleichzeitig bemerkte ich, dass Verwirrtsein und Nettsein mir nie erlaubt haben, wirklich Verantwortung für mein eigenes Leben zu übernehmen. Die Person am Steuer ist dieses sechsjährige Kind, das einfach nur geliebt werden will. Das alles tun würde, um das endlich zu bekommen. Ohne Fragen zu stellen.
Es ist kein Erwachsener. Es ist ein Kind.
Und das zerstört meine Beziehungen und meine schöpferische Kraft, weil ich insgesamt nicht bekomme, was ich will, ausser einem Anschein von Liebe und Fürsorge.
Ich hatte mich seit fünf Jahren gefragt, wie ich mein Leben gestalten will. Und all meine Energie ist einfach im Nichts versickert, ohne für irgendjemanden etwas von Wert zu erschaffen. Nur damit beschäftigt, die Fürsorge zu bekommen, die ich mit sechs nicht bekommen habe.
Der Wendepunkt war, einzugestehen: Okay, das ist, was ich tue. Das ist die Wahrheit. Und ich will es anders machen.
Es hat etwas davon, bei einem Treffen der Anonymen Alkoholiker aufzustehen und zu benennen, was passiert ist.
Dieser Artikel ist diese Erklärung.
Lernen, die Erwachsenenposition einzunehmen
Vor diesem Moment fühlte ich mich geformt von meinen Mustern, meiner Geschichte, meiner Erziehung, meinem genetischen Gepäck. Als würden sie bestimmen, was ich tun kann, und als hätte ich keine wirkliche Freiheit, ausserhalb davon zu handeln.
Dann entdeckte ich, dass mein Kind seit Jahren am Steuer sass, während der gesunde Erwachsene gar nicht da gewesen war.
Ich begann zu erkennen, dass der Glaube, ich hätte keine Freiheit, ausserhalb meiner Muster zu handeln, eine Lüge war. Ich kann es tatsächlich. Ich tat es nur nicht. Ich hatte nie gelernt, diese Erwachsenenposition einzunehmen, das ist alles.
Die Erwachsenenposition ist die Position, aus der ich anerkenne, was ich will, es kommuniziere und darauf hinarbeite. Aus der ich bewusst die Realität erschaffe, die ich möchte, und Verantwortung für meinen Anteil daran übernehme, einschliesslich der Konsequenzen meines Handelns.
Es gibt diese Position eines initiierten Erwachsenen: die volle Verantwortung für das zu übernehmen, was ich erschaffe, weil ich die Möglichkeit habe, das zu erschaffen, was ich will.
Ich muss lernen, diese Position einzunehmen. Und ja, das bedeutet, in den Körper zurückzukommen und wirklich hier zu sein. Es bedeutet, dass ich Wut fühle. Es bedeutet, dass ich Schmerz fühle. Und ich fühle Angst.
Erwachsenwerden bedeutet nicht, besser darin zu werden, nach den Regeln zu leben, die wir als Kinder gelernt haben.

Erwachsensein bedeutet, dass ich meine Realität, meine Begegnungen und mein Leben neu gestalten kann, sodass es interessant und magisch wird. Es muss nicht dem entsprechen, was ich mir als Kind unter Erwachsensein vorgestellt habe. Ich muss nicht nach diesem Kindheitsbild «verantwortungsbewusst» werden.
Ich kann neu erschaffen.
Mehr über diese Strategie, darüber, wie wir mit ihr arbeiten können, und über ihre kollektiven Konsequenzen findest du in «Durch Verwirrung harmlos bleiben».




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